Stress und Religion Zur Interaktion biologischer und kultureller Faktoren

Vorwort

Dieser Artikel soll sich mit der Frage beschäftigen, wie Stress, ein biologischer Faktor, von Religion, einem kulturellen Faktor, beeinflusst wird. Dient Religion der Reduzierung von Stress oder wird er durch sie eher verstärkt?

Setzt man sich mit unterschiedlicher Literatur zu Religionen auseinander, stellt man einige Parallelen zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Stress fest, die für die Stressforschung relevant sein dürften. Ganz offensichtlich wird Stress mit den zwei defektiven Zuständen Angst und Depression in Verbindung gesetzt. Diese beiden Stressoren wiederum sind auch in Religionen immer wiederkehrende Schlüsselworte. So möchte ich anhand von »Indizien« abwägen, wie sich Religion zum Faktor Stress verhält. Hierbei gilt mein Augenmerk folgendem: den immer wiederkehrenden Elementen, den Dualitäten, der Organisation, Moral und Ethik, dem Glauben als Faktor und den Beispielen für typische Gedankenabläufe in Religionen.

Ich will in diesem kurzen Artikel keine tiefe Analyse aller religiösen Systeme in Bezug auf Stress bewerkstelligen – dies soll nur einen kurzen Gedankenanriss bezüglich einiger Aspekte darstellen.

These

Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat gezeigt, dass man nicht pauschal eine Aussage treffen kann, dass Religion sich zu dem gegebenen Thema nur positiv oder nur negativ auswirken würde. Beides scheint mir gegeben zu sein: Sowohl ist Religion ein Mittel, um Stress abzubauen, abzugeben oder in bestimmten Situationen gar nicht erst aufkommen zu lassen – als auch ein Stressor, der in wiederum anderen zu zusätzlicher Belastung führen kann. Das möchte ich im Folgenden etwas näher beleuchten.

Immer wiederkehrende Elemente

Religion ist ein System, welches bestimmte menschliche Eigenarten kanonisiert. Hierbei wird grundsätzlich eine Einheit gesucht. Weitere Prinzipien sind der Ausgleich und die Unschuld. Die auf Schuld folgende Sühne soll die genannten Punkte ermöglichen. Religionen haben beispielsweise Krieg nicht nur verworfen, sondern auch zur Pflicht erkoren – Krieg und Frieden wird als Gegensatzpaar gesehen, welches im Gleichgewicht gehalten werden muss.1DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 19. So können sie auch als »Gegentraum der Angst« bezeichnet werden, der aus dem angstgetriebenen »Wahnsinnszustand der Vernunft« herausführen kann, indem er als »Traum des Vertrauens« dem Alptraum der Angst als Gegenmodell gegenübersteht.2DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 339. Hier wird das Bild der Einheit von Göttlichem und Menschlichem gezeichnet, wobei solche Bilder von Bewusstsein und Unbewusstem in der Tiefenpsychologie unter anderem auch ein Zeichen für die Herausbildung des eigentlichen Menschen sind.3DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 340.

Ein gänzlich anderes Beispiel für den Wunsch nach Einheit und Autorität findet sich im Islam. Die großen Veränderungen des 8. und 9. Jahrhunderts hatten zu einem Auseinanderklaffen der Schichten in der islamischen Welt geführt, großes Elend stand neben großem Reichtum.4LEWIS, Bernard: Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam. Frankfurt (M), Eichborn, 1989, S. 51. Diesem Wunsch konnten die Ismailiten ein passendes Prinzip präsentieren: den Entwurf einer neuen Weltordnung unter dem Islam.5LEWIS, Bernard: Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam. Frankfurt (M), Eichborn, 1989, S. 52. Auch hier war die Sehnsucht nach einer Einheit in einer unruhigen Zeit ausschlaggebend für Umwälzungen und die besondere Hingabe zur Religion. Doch auch die »andere Seite« konnte Trost und Hoffnung geben.6LEWIS, Bernard: Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam. Frankfurt (M), Eichborn, 1989, S. 52. Polytheismus wird im Islam beispielsweise deshalb so kategorisch verurteilt, weil der Mensch durch den Glauben an viele Götter von seinem Weg zu seiner eigenen Einheit abgebracht wird, das gilt als Versündigung wider sich selbst und anderen – die gestiftete Identität wird dadurch nämlich auch in Frage gestellt.7HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 132.

Bereits im alten Babylon gab es den Schu-Illa-Ritus, der dazu diente, aus dem anormalen Zustand des Unglücks in den normalen Zustand des Glücks zurückgebracht zu werden. Der oder die Betende befand sich in einem Kampf zwischen Gut und Böse. Der Anrufungs- und der Dankteil der Zeremonie zeugen von der Hoffnung der betenden Person auf ihren Gott.8JENNI, Ernst: Angst und Hoffnung bei den alten Babyloniern. In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 14 f. Hoffnung entsteht vor allem durch eine Sinn-Einsicht. Ist eine Situation ausweglos, entsteht Stress. Ein Ausweg, egal welcher Art, entstresst. Im Christentum wird sogar dem Leiden selbst ein Sinn gegeben, der entängstigen soll.9BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 191. Biser führt den Sinn des Leidens dahin, dass die Kreuzigung als Liebe bezeichnet wird.10BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 191. Im christlichen Verständnis kann das so verstanden werden und dürfte dem Gefühl des Alleinseins entgegenwirken, was man als Wegnahme von Stress werten kann. Zu Schuld und Sühne, welche wiederum zur Unschuld führt, sind die besten Beispiele die der Höllenvorstellungen.

An dieser Stelle will ich nur den Aspekt von Sinn und Sinnlosigkeit sowie den Ausgleich andeuten. So wird beispielsweise im Islam die Hölle relativiert:11HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 64. »Glaubtet ihr, wir hätten euch in Sinnlosigkeit geschaffen, und dass ihr nicht zu uns zurückgebracht würdet?«12DER KORAN. Übertragung von ULLMAN, Ludwig, neu bearbeitet und erläutert von WINTER, Leo. München, Goldmann, 1959, 23: 116. Ein weiteres Beispiel aus dem Islam – diesmal jedoch zur Unschuld – ist das des Verzeihens, welches in angebrachten Situationen geboten ist. Verzeiht ein Opfer einem Täter, bleibt der Täter zwar weiterhin Täter, kann sich aber über das Verzeihen freuen. Kommt es hierdurch zu keiner Einsicht, wird er weiterhin im Negativen bleiben. Kommt es jedoch zur Einsicht, entsteht hierdurch ein Zustand neuer Unschuld.13HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 77. Das eingangs erwähnte Gleichgewicht spielt hier eine große Rolle. Am Tag des jüngsten Gerichts wird auf einer Waage alles aufgewogen.14DER KORAN. Übertragung von ULLMAN, Ludwig, neu bearbeitet und erläutert von WINTER, Leo. München, Goldmann, 1959, 21: 48; 101: 7-9. Das ist ein Kontrollmechanismus.

Der Koran fordert Gottesfurcht, so steht der Glauben zwischen Furcht und dem persönlichen Glauben, was an dieser Stelle eine interessante Spannung erzeugt: Kontrollmechanismen und Regeln nehmen auf der einen Seite die persönliche Verantwortung ab – dies führt zu weniger Stress. Auf der anderen Seite ist ein persönliches Engagement gefordert, den Regeln auch zu entsprechen – dies wiederum führt zu mehr Stress. So entsteht in diesem Kontrollsystem die Furcht, durch Fehlverhalten Schaden zu erleiden. Dieser Furcht steht die Hoffnung entgegen, dass die Barmherzigkeit Gottes Liebe gewährt.15HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 89 f. Um bei dem Beispiel der Vergebung zu bleiben: Sie soll nicht um jeden Preis sein, weil sich manch ein Verbrecher ermuntert fühlen könnte, weitere schlechte Taten zu begehen. Daher bedarf es einer Bestrafung im gerechten Maße, und Vergebung ist nur dann sinnvoll, wenn dadurch eine Besserung im Verhalten des Gesetzesübertreters bewirkt wird.16DER KORAN. Übertragung von ULLMAN, Ludwig, neu bearbeitet und erläutert von WINTER, Leo. München, Goldmann, 1959, 42: 41-44. 17HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 149.

Dualitäten

Das Wertesystem von Religionen ist in der Regel nicht komplex aufgefächert. Es beschränkt sich im Großen und Ganzen auf die Dualität Gut versus Böse beziehungsweise positiv versus negativ konnotiert. Weitere Kategorien sind Hoffnung versus Angst, Unschuld versus Schuld und Himmel versus Hölle. Es fällt auf, dass der jeweils negative Pol immer »Stress« bedeutet, der positive hingegen den ausgeglichenen und erstrebenswerten Idealzustand beschreibt. Diesen gilt es unbedingt zu erreichen, unter Umständen sogar über einen schweren, steinigen, peinigenden Weg, wie zum Beispiel bei den Höllenvorstellungen, die allesamt letztendlich einer Läuterung dienen.18Vgl. HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 64, 65, 104ff, 142f und 148 sowie SHIMIN, Geng; KLIMKEIT, Hans-Joachim; LAUT, Jens Peter: Eine buddhistische Apokalypse. Opladen, Westdeutscher Verlag, 1998, S. 17.

In der heutigen Navajo-Religion bedeutet der Tod das Ende alles Guten. Es gibt keine attraktive Nachwelt oder dergleichen.19COOPER, Guy H.: Development And Stress In Navajo Religion. Stockholm, Almqvist & Wiksell, 1984, S. 88. Allerdings war die ursprüngliche Religion Schamanismus. Dieser ging mit der Zeit verloren und wurde mit einer neuen, recht negativ wirkenden Glaubensvorstellung abgelöst. Das ist auf die historischen Gegebenheiten zurückzuführen, bei denen Leid, Vertreibung und der Einfluss der Pueblo-Kultur zu einer erheblichen Negativsicht in Sachen Tod geführt haben. Die heutige Navajo-Religion fällt in diesem Rahmen als »typisches« Beispiel aus, da es keine entlastenden Momente mehr gibt ab dem Augenblick, in dem es um den Tod oder das Jenseits geht. Im Leben gibt es die Dualität Gut und Böse noch, nach dem Tod bleibt nur noch das Böse. Träume und Visionen werden generell als Warnungen gesehen und sind somit ein Stressfaktor. Selbst bei westlichen Navajos gibt es eine große Angst vor Hexerei und Magie.20COOPER, Guy H.: Development And Stress In Navajo Religion. Stockholm, Almqvist & Wiksell, 1984, S. 88-100. Die Angst–Hoffnung Dualität ist besonders wichtig. Der Angst wird die Hoffnung als Gegengewicht entgegengesetzt, sei es durch Glauben oder durch Rituale.

Der bereits erwähnte babylonische Schu-Illa-Ritus diente der Angstüberwindung. Jürgen Habermas, auf den sich Ulrich Gäbler in seinem Beitrag zur Hoffnung21GÄBLER, Ulrich: Hoffen auf bessere Zeiten. In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 109. beruft, hat die These formuliert, dass Angst über ein »erbgenetisch fixiertes Angstpotential« hinaus »eine historische Kategorie [sei], die ungeachtet aller sozusagen instinktiven, residualen Komponenten im Menschen irgendwo spezifisch auch vom historisch variierenden Selbstverständnis sozialer Gruppen abhängt«. Gäbler erwähnt das Buch Angst im Abendland von Delumeau22DELUMEAU, Jean: Angst im Abendland. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 1985., in welchem zwei Niveaus von Angst beschrieben werden:

  1. ständig vorhandene Ängste (Wald, Nacht, Meer)
  2. periodisch auftretende Ängste (Erdbeben, Gewitter, Pest, Hungersnot, Durchzug von Kriegvolk)23Vgl. GÄBLER, Ulrich: Hoffen auf bessere Zeiten. In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 109.

Der christliche Umgang hiermit führt zu einer Sammlung vielfach spontaner Ängste, um sie in größeren Zusammenhang zu bringen, wie zum Beispiel die gegengöttliche Gewalt des Satan. So werden kollektive Ängste zu theologisch besetzten. Die Bedrohungen werden benannt, was einem Therapieansatz gleichkommt.24GÄBLER, Ulrich: Hoffen auf bessere Zeiten. In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 110. Nach islamischer Vorstellung ist das satanische Prinzip das der Verführung. Diese Vorstellung findet sich auch in den vorangegangenen abrahamitischen Religionen. Das Wort Satan kommt von shaytan (arabisch für »er ging weg«) und steht als Symbol für »schädlich«. Das Böse – die Hölle – ist das Ergebnis menschlichen Irrtums, Fehlverhaltens und Unglaubens. Das ist gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Gutem, das heißt Gottesferne.25HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 104 ff.

Organisation, Moral und Ethik

Es ist schwierig, diese Kapitel im Rahmen dieses Beitrags getrennt voneinander aufzuführen, da die wiederkehrenden Elemente, Dualitäten und die Organisation, welche dadurch entsteht beziehungsweise dahinter steht, eng verknüpft sind. Religion dient in erster Linie der Beschwichtigung und Wegweisung durch Reglementierung. Hierbei sorgt das oft ausschließende System für »neue« Probleme. Analog hierzu verhält es sich mit dem Stress. Durch die Regeln und Wegweisungen, durch ein klares System mit klaren Zielen, wird das Leben zuerst einmal vereinfacht und somit entstresst. Werden die Regeln aber zu kompliziert, entsteht neuer Stress.

So hat beispielsweise das Christentum mit seinen Vorstellungen der Apokalypse des Johannes neue Ängste geschaffen, während es andere gelindert hatte.26BRÄNDLE, Rudolf: Die Spätantike. Ein Zeitalter der Angst? In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 39. Religion diente, hauptsächlich in Asien, auch der Kriegs- und Problemlösung.27Dass sie Kriege auch zur Pflicht machte, hatte ich bereits erwähnt. Im Indischen existierte das Modell des universellen Mitleids,28DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 108. im Taoismus wurde taobesessen mit religiös gleichgesetzt – das wiederum implizierte den Imperativ »Meidet Krieg!«, da Gewaltanwendung selbstschädlich ist. Hier fehlt jedoch interessanterweise der Dualismus von gut und böse, da man sonst beim Auftrennen dessen immer gegen sich selber kämpfen müsste. Hingegen gibt es das Prinzip des Nichthandelns, vergleichbar mit einer Schocksituation, in der eine Starre eintritt.29DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 110-123.

Einen funktionalen Hintergrund sieht man auch bei den Psalmen: 88, 11 und 23 sind jeweils ein religiöses Krankheits-, Feind- und Vertrauenslied – allesamt Individualpsalmen, die Selbstzeugnisse sind, ähnlich einer therapeutischen Sitzung.30SEYBOLD, Klaus: In der Angst noch Hoffnung! In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 63 ff. Der Krankheitspsalm schildert die Lage eines Todkranken. Die medizinische Versorgung war zu jener Zeit im alten Israel sehr schlecht. Magische Rituale waren verboten, so blieben nur Resignation und Selbstaufgabe. Für alle Psalmisten gilt, dass sie die Ursache ihres Leidens in einer gegen sie gerichteten persönlichen Aktion ihres Gottes sehen. Es sind also keine dunklen Mächte wie beispielsweise in Babylon im Spiel. So folgen Schuldbekenntnisse – die Beichtkasuistik führt über Bußrituale und Gebetsklagen zum Trauerritual. Dadurch findet sich in der Angst doch noch Hoffnung. Das Christentum hingegen hat einen anderen Weg eingeschlagen: Eine Form von christlicher Angstüberwindung ist Jesus’ Absage an den Rachegott.31BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 171. Der Tag der Rache wird gestrichen, ein bedingungslos liebender Gott gepredigt. Außerdem hat das Christentum durch seine Auferstehungsbotschaft es mit dem Tod aufgenommen.32BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 191.

Moral und Ethik sind die Grundpfeiler, auf denen das System Religion ruht. Die Dualitäten, die Gut und Böse in unterschiedlicher Form repräsentieren, müssen einen Sinn haben: den der Lenkung. Was ist gut? Was sollte vermieden werden? Um solche Fragen ohne große Diskussion regulieren zu können, kommen teilweise recht drastische Vorstellungen zum Tragen, wie beispielsweise die Paradies- oder Höllenvorstellung im Islam, die locken beziehungsweise abschrecken sollen.33HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 47 ff. Im Christentum und in anderen Religionen verhält es sich in der Regel ganz ähnlich. So ist eine Steuerung durch Angst und Belohnung gegeben. Dem Angepassten wird dadurch Ruhe gegönnt. Rituale und Vorstellungen – zum Beispiel das Jenseits, die Offenbarung, die Schöpfung, religiöse Schriften wie Bibel, Koran, Thora und andere – dienen der Organisation und dem Umgang mit Spannungen.

Glaube als Faktor

Glaube verändert den Grundzustand des Menschen. Beispielsweise kann ausschließlicher Glaube in Zeiten der Angst sich stärkend auswirken.34BRÄNDLE, Rudolf: Die Spätantike. Ein Zeitalter der Angst? In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 39. An dieser Stelle ließe sich die Frage aufwerfen, ob dies nicht mit einer der Gründe für die seit einiger Zeit zu beobachtende übertriebene Praxis des Islam sein könnte.35Für diesen hat sich der Name »Islamismus« etabliert. Dieser ist insofern merkwürdig, als das für religiöse Extremismen anderer Religionen keine derart »dedizierten« Ausdrücke zu existieren scheinen. So kann Glaube Ruhe nach einer Rast- oder Ratlosigkeit sein, oder aber das genaue Gegenteil tritt ein und es kommt zu einer erneuten Rast- und Ratlosigkeit wenn nicht gar Fanatisierung. Eine Definition von Fanatismus besagt, dass er die Unfähigkeit darstellt, aus dem eigenen Ich zu leben. So unterwirft sich die Person einem Über-Ich. Selbstverachtung wird auf den Gegner beziehungsweise Ungläubigen übertragen.36DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 68.

Die Aufklärung hätte als der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit (Kant) auch ein Weg in ein angstfreieres Leben sein können. Bisher ist das jedoch noch nicht ganz gelungen.37BRÄNDLE, Rudolf: Die Spätantike. Ein Zeitalter der Angst? In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 39. Angst – ein großer Faktor in der Stressforschung, da sie als einer der Stressoren schlechthin gilt – ist in der Religion ein immer wiederkehrendes Gefühl, sei es als regelndes Instrument oder als zu behebendes Übel. So sucht man im Christentum heute nach dem Wurzeln der Lebensangt und führt hierbei die Grundbeziehungen des Menschen auf: zu Gott, zu Mitmenschen und zu sich selbst.38BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 166 f. Beim göttlichen Bezug gibt es einen Doppelaspekt: mysterium tremendum und mysterium fascinosum.39Ursprünglich vom lateinischen fascino »Behexung« (Faszination) und tremendus »furchtbar«. Ersteres steht hierbei im Vordergrund. Der religiöse Akt ist in diesem Kontext vermutlich kompensatorisch zu verstehen.40BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 167.

Conclusio

Stress ist ein Zustand von Erregung und Unruhe. Abgesehen vom nötigen »gutartigen« Eustress, ist er eine Belastung für den Organismus und das Leben. Es gibt viele Forschungen darüber, ob und wie bestimmte Umweltfaktoren und Verhaltensweisen dies beeinflussen. Doch der direkte Bezug zur Religion, einer durchweg wichtigen Begleiterin im Leben von mehr oder weniger jedem Menschen,41Ich behaupte, dass auch »Atheismus« als eine Auseinandersetzung und eventuell sogar Reaktion zu dem Thema Religion zu werten ist. scheint in dieser Form bisher nicht in größerem Rahmen ausführlich behandelt worden zu sein. Es gibt viele Beiträge explizit zum Thema Angst, die man direkt als Stressor bezeichnen kann.

Wird nun die Frage gestellt, ob Religion Stress vermindert oder vermehrt, muss man darauf antworten, dass das vom sozialen Umfeld abhängig ist, von der Art der Religion und vom Wesen des oder der Gläubigen. Meditative Maßnahmen führen sicherlich zum Stressabbau, doch ist Meditation in der Regel eben nur eine »Maßnahme«, kein Regelwerk mit Anweisungen bezüglich Ethik und Moral, die das Leben organisieren sollen. Religion hält in der Regel auf Fragen der Unsicherheit Antworten bereit. Sie kann dadurch – durch eine Sinngabe  entstressen. Gleichzeitig kann eben diese Regulierung, welche von Religion angestrengt wird, zu zusätzlichem Stress führen.

Die Urfassung dieses Artikels entstand im Rahmen meines Studiums.

Literaturquellen und Anmerkungen   [ + ]

1. DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 19.
2. DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 339.
3. DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 340.
4. LEWIS, Bernard: Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam. Frankfurt (M), Eichborn, 1989, S. 51.
5. LEWIS, Bernard: Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam. Frankfurt (M), Eichborn, 1989, S. 52.
6. LEWIS, Bernard: Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam. Frankfurt (M), Eichborn, 1989, S. 52.
7. HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 132.
8. JENNI, Ernst: Angst und Hoffnung bei den alten Babyloniern. In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 14 f.
9. BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 191.
10. BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 191.
11. HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 64.
12. DER KORAN. Übertragung von ULLMAN, Ludwig, neu bearbeitet und erläutert von WINTER, Leo. München, Goldmann, 1959, 23: 116.
13. HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 77.
14. DER KORAN. Übertragung von ULLMAN, Ludwig, neu bearbeitet und erläutert von WINTER, Leo. München, Goldmann, 1959, 21: 48; 101: 7-9.
15. HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 89 f.
16. DER KORAN. Übertragung von ULLMAN, Ludwig, neu bearbeitet und erläutert von WINTER, Leo. München, Goldmann, 1959, 42: 41-44.
17. HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 149.
18. Vgl. HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 64, 65, 104ff, 142f und 148 sowie SHIMIN, Geng; KLIMKEIT, Hans-Joachim; LAUT, Jens Peter: Eine buddhistische Apokalypse. Opladen, Westdeutscher Verlag, 1998, S. 17.
19. COOPER, Guy H.: Development And Stress In Navajo Religion. Stockholm, Almqvist & Wiksell, 1984, S. 88.
20. COOPER, Guy H.: Development And Stress In Navajo Religion. Stockholm, Almqvist & Wiksell, 1984, S. 88-100.
21. GÄBLER, Ulrich: Hoffen auf bessere Zeiten. In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 109.
22. DELUMEAU, Jean: Angst im Abendland. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 1985.
23. Vgl. GÄBLER, Ulrich: Hoffen auf bessere Zeiten. In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 109.
24. GÄBLER, Ulrich: Hoffen auf bessere Zeiten. In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 110.
25. HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 104 ff.
26. BRÄNDLE, Rudolf: Die Spätantike. Ein Zeitalter der Angst? In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 39.
27. Dass sie Kriege auch zur Pflicht machte, hatte ich bereits erwähnt.
28. DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 108.
29. DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 110-123.
30. SEYBOLD, Klaus: In der Angst noch Hoffnung! In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 63 ff.
31. BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 171.
32. BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 191.
33. HÜBSCH, Hadayatullah: Paradies und Hölle. Jenseitsvorstellungen im Islam. Österreich, Patmos, 2003, S. 47 ff.
34. BRÄNDLE, Rudolf: Die Spätantike. Ein Zeitalter der Angst? In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 39.
35. Für diesen hat sich der Name »Islamismus« etabliert. Dieser ist insofern merkwürdig, als das für religiöse Extremismen anderer Religionen keine derart »dedizierten« Ausdrücke zu existieren scheinen.
36. DREWERMANN, Eugen: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Freiburg, Basel und Wien, Herder, 1991, S. 68.
37. BRÄNDLE, Rudolf: Die Spätantike. Ein Zeitalter der Angst? In: FISCHER, Johannes; GÄBLER, Ulrich (Hrsg.): Angst und Hoffnung. Grunderfahrungen des Menschen im Horizont von Religion und Theologie. Stuttgart, Berlin und Köln, Kohlhammer, 1997, S. 39.
38. BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 166 f.
39. Ursprünglich vom lateinischen fascino »Behexung« (Faszination) und tremendus »furchtbar«.
40. BISER, Eugen: Das Christentum als Religion der Angstüberwindung. In: MÖDE, Erwin (Hrsg.): Leben zwischen Angst und Hoffnung. Regensburg, Pustet, 2000, S. 167.
41. Ich behaupte, dass auch »Atheismus« als eine Auseinandersetzung und eventuell sogar Reaktion zu dem Thema Religion zu werten ist.
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