Cyberkultur-Ethnologie – Teil 1 Gender und Cyberfeminismus

Vorwort 1

In zwei Artikeln zum Bereich Cyberkultur-Ethnologie möchte ich auf einige grundlegende Eigenschaften des Menschen zu sprechen kommen, die sich womöglich im Netz in bestimmter Weise auswirken: Körper, Sexualität, Gefühle, Identität sowie Gender als soziale Konstruktion und Konzeption von Sexualität. Nach einem kurzen soziologischen Abriss zur Gender-Dimension im Netz, komme ich in einem Folgeartikel zurück zum Selbst des (»netzenden«) Menschen: Cyberkultur-Ethnologie – Teil 2: Körper, Sexualität und Gefühle im Internet.

Ethnologie – landläufig wird darunter Völkerkunde verstanden. Geforscht wird im Rahmen einer Feldforschung, entweder vor Ort, in einem »fremden« Land, an einem »fremden« Ort, oder am Schreibtisch, durch Informationen, die man sich per Literatur oder jeglicher Form von Kommunikation zuführt. Heutzutage ist es selbstverständlich auch modern, »Internetrecherche« zu betreiben, und sei es eine Recherche, ob ein benötigtes Buch in einer Unibibliothek verfügbar ist. Es wird ein Medium benutzt – das Netz, amerikanisch-englisch als Net oder World Wide Web bezeichnet. Doch unterscheidet sich dieses Medium nicht etwas von einer einfachen Karteikarten-Recherche?

Ich muss zugeben, dass auch ich mich erst eingehender mit dem Begriff Cyberkultur-Ethnologie beschäftigen musste, bis ich bemerkte, dass sich im übertragenen Sinne »Völker und Kulturen« mit der Zeit auch im Internet herausgebildet haben. Und damit ist nicht die Übertragung ethnischer oder kultureller Identitäten aus dem »wahren Leben« ins Netz gemeint, sondern gänzlich neue Konstruktionen. Als anthropologische Dimension kann man sagen: Der Mensch hat sich ins Netz gebracht und mit sich auch seine Kultur(en) und alles, was dazu gehört. Man kann feststellen, dass sich womöglich etwas im Netz wiederholt, das uns in beschleunigter Form einen Blick auf eine Kultur-Evolution bietet. Das geht so weit, dass man auch Identitätsbildungen beobachten kann. Was macht beispielsweise ein Volk oder eine Ethnie aus? Lässt sich das auch auf Netzidentitäten übertragen? Es repliziert sich womöglich etwas im Netz – oder vielleicht doch nicht ganz? Geht man zurück zum Menschen, so baut jegliche Technik, jegliches Welt- und Umweltverständnis sowie jede Art von Kultur auf ein und derselben Sache auf – dem Menschen selber. Er ist sich am nächsten und hat, essentialistisch gesprochen, seine biologischen Grundlagen, die dann kulturell überformt werden.

Gender und Feminismus – Anspruch und Realität

Was bedeutet Gender? Die kürzeste Antwort müsste in etwa lauten: »Die soziale Geschlechterrolle«. Etwas erweiternd hierzu sollte man erwähnen, dass diese Geschlechterrolle zum Großteil kulturell konstruiert zu sein scheint. Man kann auch die weiter oben bereits erwähnten »biologischen Grundlagen und ihre kulturelle Überformung« hinterfragen und gegebenenfalls in Frage stellen. Es existieren verschiedene Denkansätze, die sich mit diesen Themen befassen: den feministischen, den radikalfeministischen, den essentialistischen und mittlerweile den postfeministischen, der sich weg vom rein feministischen Blickwinkel, hin zum allgemeinen Beobachten und Beurteilen von Menschen – Frauen wie Männern – gewandelt hat. In diesem Rahmen entstand auch die Wahrnehmung, dass es noch etwas mehr als nur Mann–Frau, weiblich–männlich zu geben scheint. Homosexualität, Transsexualität, Intersexualität – all diese »Klassifizierungen« kamen erst nach und nach. Die *sexualitäten an sich existieren seit Menschengedenken, aber ihre Wahrnehmung und der Blick auf sie ändern sich. Auf die eventuellen Möglichkeiten und Spielereien mit Identitäten, Sexualität und Rollen gehe ich im zweiten Teil ein. An dieser Stelle sollen nur die genderrelevanten und feministischen Aspekte berührt werden.

»Irgend etwas ist da – irgend eine differenzierende Sache« – so oder so ähnlich könnte man salopp den Umgang von Menschen mit Menschen beurteilen. Schon Männer unter sich sind nicht unbedingt gleich oder gleichberechtigt, kommt die Kategorie Frau hinzu, wird es in der Regel nicht besser. »It’s a Man’s Man’s Man’s World« sang einst James Brown. Das Lied hatte er in den 1960er Jahren gemeinsam mit seiner damaligen Partnerin Betty Jean Newsome geschrieben.

»Natürlich« sollten Männer und Frauen (und selbstverständlich auch alle möglichen Zwischenidentitäten) gleichberechtigt sein. Das wollen einige – viele Frauen und mittlerweile sicherlich auch einige Männer. Allerdings sind auch viele durchaus dagegen eingestellt – es ist so schön einfach, das Bestehende so zu lassen, wie es ist. Wer auf wessen Rücken was (er)lebt, liegt klar auf der Hand. Abgesehen davon, gibt es auch phänomenal amüsant denkende Frauen, die sich gegen »Gender« und Gleichberechtigung auflehnen – entweder aus Überzeugung oder aus einer gewissen Gemütlichkeit heraus (einen Herrn und Meister zu haben entbindet in großem Maße von Eigenverantwortung). Hier wäre der Begriff der Aufklärung einzubringen, denn Aufklärung kann unter Umständen ein Abwägen ermöglichen. Eigene Gedanken können entwickelt werden, per Feedback lassen sie sich vergleichen und gegebenenfalls manifestieren. Die Autorin Judith Squires lässt die Aufklärung im Rahmen einer »Cyborg« Vision als Potential erscheinen:

The potential of the cyborg myth ist that it might offer a lexicon with which to challenge the self-foundation project of the Enlightenment without giving up on its self-assertion project; abandoning the rationalist and individualist assumptions whilst retaining the pluralist and democratic structures.1SQUIRES, Judith: Fabulous Feminist Futures and the Lure of Cyberculture. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 371.

Nun ist der Anspruch verständlich, im Cyberfeminismus eine neue Weiterentwicklung und auch Befreiung des vorangegangenen Feminismus’ zu sehen oder zu erhoffen. Doch ob dem in der Realität entsprochen wird oder werden kann? Die Konzepte verändern sich mit der Zeit. Der Vorteil hierbei ist, dass es eine Geschichte gibt, an deren Verlauf und Ergebnissen sich die Entwicklung messen und beurteilen lassen kann. Es gibt nicht mehr nur »eine Richtung« und »ein Ziel«, doch diese Zersplitterung birgt auch die Gefahr, dass Kräfte verlorengehen könnten:

At the time of writing (1999) the concepts of ›woman‹ and ›feminism‹ are highly fragmented and polysemous – within academia, their meanings have become unfixed and unsettled by new theoretical developments.2KENNEDY, Barbara M.: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 283.

Cyberfeminismus kann und sollte als ein Teil des Postfeminismus’ betrachtet werden. Nicht im Sinne von »danach«, sondern als eine »Weiterentwicklung«, die neue Erkenntnisse und Situationen implementiert und damit alte Denkweisen erweitert, die sich in den 1970er bis 1990er Jahren entwickelt haben. Beim Cyberfeminismus wird ein Feminismus ohne Gender propagiert, da ein »Cyborg« theoretisch die alten Gender-Grenzen überschreiten könnte. So kommt es – qua Anspruch und Realität – zu utopischen bis kritischen Sichtweisen hierzu, die allesamt für sich den Anspruch erheben, feministischen Ursprungs zu sein.3Vgl. KENNEDY, Barbara M.: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 283 ff.

Cyborgs

Was ist ein Cyborg? Ein kybernetischer Organismus. Eine neue Einheit aus Maschine und Organismus. Ein Wesen, welches sowohl in Realität als auch in Fiktion existiert und (vorerst) ein Produkt unserer Phantasie ist. Durch diese Gegebenheit kommt dem Cyborg die besondere Rolle zu, außerhalb von Gender zu stehen. Zumindestens hätte es die Möglichkeit, und es obliegt der phantasierenden Person, dem persönlichen Cyborg eine Rolle zuzuweisen oder eben nicht. Tatsache ist, dass beispielsweise filmisch und künstlerisch dargestellte Cyborgs keineswegs asexuell oder agendered sind. Im Gegenteil, meistens werden Hybridwesen ziemlich überzeichnet und übersexualisiert:

[…] gender, instead of disappearing, is often heightened after cybernetic transformation, a point that is obvious in Hollywood representations of ultramale cyborgs like the Terminator and RoboCop.4SPRINGER, Claudia: Digital Rage. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 344.

Dass Sex in Bezug auf Cyborgs eine eklatante Rolle innehat, ist auch latent spürbar. Womöglich spielen da die humanen Sehnsüchte eine große Rolle, seien es die Allmachtsphantasien des Schöpfungsaktes (Kreation eines neuen Cyborg-Geschöpfes – mit neuer Sexualität?), sei es der Wunsch nach einem Gespielen oder eine Gespielin, sei es das sich selbst über sich selbst bewusst werden durch einen Spiegel, der davorgehalten wird. Dieser Spiegel zeigt entweder eins zu eins das, was uns und unsere Umwelt ausmacht, oder aber es verzerrt die Realität in totale (?) Fiktion. Ich möchte als humanoide Cyborg-Phantasien folgende Beispiele nennen: Metropolis der Film, RoboCop und als Idee die Cyborg-Geschichte in Frank Zappas Joe’s Garage Trilogie. Etwas anders hingegen sind die Borg in Star Treck. Die Borg-Gesellschaft assimiliert – Widerstand ist zwecklos. Dies könnte als ein Beispiel für die Auflösung von bestehenden Kategorien taugen. Durch Assimilation werden bestehende Kategorien aufgelöst und in Borg inkorporiert. Aber: Auch die Borg haben eine humanoide und nicht asexuelle Erscheinungsform. Also vielleicht doch keine gänzliche Kategorien-Überwindung? Der Gedanke einer totalen Assimilation hätte auch mit einer indifferenten Erscheinung oder eben Nichterscheinungsform umgesetzt werden können. So gesehen, taugen auch die Borg nicht für die Vorstellung einer »anderen« Form von Cyborg. Auch wenn der Name dies nahelegt. In Donna Haraways Essay A Cyborg Manifesto wird der Cyborg als ein neu definierbares Etwas neu (über)zeichnet:

The cyborg is a creature in a post-gender world; […] The cyborg is resolutely committed to partially, irony, intimacy, and perversity. It is oppositional, utopian, and completely without innocence. […] Nature and culture are reworked; the one can no longer be the resource for appropriation or incorporation by the other. […]5HARAWAY, Donna: A Cyborg Manifesto. Science, Technology and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 292 f.

Dem Cyborg werden all jene Attribute zuteil, die dem definierenden Menschen zuwider sind. Cyberfeministisch ist hier der hoffnungsvolle Punkt, an dem sich am Modell »Cyborg« die bekannten Binaritäten in Frage stellen lassen und vielleicht auch auflösen. Nicht umsonst ist jedoch der Cyborg als eigenes »Wesen« definiert und nicht das Folgemodell des Homo Sapiens als Homo Kyborganismus. Eine kleine Einschränkung zur Einleitung dieses Absatzes muss an dieser Stelle erwähnt werden: Cyborgs werden nicht nur all jene Attribute zuteil, gegen die wir Menschen uns wehren, sondern auch all jene Eigenschaften und Gefühle – meist wieder in überzeichneter Form – die wir selber hegen. Seien es Lieben, seien es Hass und Rachegelüste, die insbesondere die Schwachen träumen lassen:

When cyberpunk texts incorporate repressed memories, they often raise controversial social issues […], for a larger cultural context informs the cyborg’s personal memories. One scenario that has emerged with remarkable frequency in cyberpunk is that of the cybernetic woman who seeks revenge for the emotional and sexual abuse she suffered as a child or yound woman. 6SPRINGER, Claudia: Digital Rage. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 342.

Das Netzwerk als Chance

Technik galt recht lange als ziemlich unumstritten männlich. An sich ist die Natur–Kultur Entsprechung zu männlich–weiblich heutzutage nicht weniger relevant, doch immerhin wird sie jetzt hinterfragt. Oder aber auch einfach grenzüberschritten. Cyberfeminismus kann somit auch als eine beobachtende Weiterentwicklung gesehen werden, die sich der neuen technischen Realität bewusst ist und sie für Frauen sowie feministische Ziele nutzt und instrumentalisiert. Netzwerke eröffnen per se zuerst einmal allen und jedem Zugang (zueinander und untereinander). Ob es nun auch einfach realisierbar ist, dass beispielsweise eine »Hausfrau« mit Haushalt und Kind sich – meist autodidaktisch – auf den nötigen technischen Wissens- und Verständnisstand bringt, um dann am Netzwerk teilnehmen zu können&nbs;– das ist die Frage. Es leuchtet ein, dass auch hier wieder Hürden existieren. Doch der netzwerklichen Verlängerung des Feminismus widerspricht das nicht. Es gilt, neue Domänen zu sichern. Dies erst recht, wenn man auch ökonomische Gesichtspunkte bedenkt. Die Welt ist größtenteils immer noch männlich definiert, Frau ist nur ein Objekt, mit welchem gehandelt wird und welches behandelt wird:

As media, tools and goods mutate, so the women begin to change, escaping their isolation and becoming increasingly interlinked. Modern feminism is marked by the emergence of networks and contacts which need no centralized organization and evade its structures of command and control.7PLANT, Sadie: On The Matrix. Cyberfeminist Simulations. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 328.

Netzwerk Frauen und Grrls

Man(n) beachte, dass es – ganz entsprechend einem männlichen Ideal des Nerds – auch weibliche Nerds im Netz und an Computern gibt. Selbständige, selbstbewusste Mädchen und Frauen, die sich nicht dem klassischen »Püppchen-Image« unterordnen, wenn es um den technikpotenten Mann geht, der dem »armen Hühnchen« zeigt, wo es langgeht. Dem stehen andere »Hühnchen« gegenüber – Netchicks. Es gibt virtuelle Schwesternschaften, die eine globale Perspektive für Frauenmacht und Frauenkraft aufzeigen. Grrl ist eine Wortkreation, die girl entgegensteht (oder beisteht), sich dabei aber auf ältere, aus der Rockmusik und dem Untergrund bekannte, Modelle beruft und mit der Schreibweise auch galant im Netz die Girl-definierte Pornographie umgeht. Man gebe »girl« ein und schaue, was kommt. Man gebe »grrl« ein und bekomme die Alternative8vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 78.. Diese Bewegung kann als Speerspitze der »neuen Frau« im digitalen Zeitalter gesehen werden. Es wird nicht mehr feministisch theoretisiert, sondern cyberfeministisch – wenn nicht gar cyberpunkig – praktiziert. Eine Rebellion inmitten althergebrachter und überkommener Strukturen, eine neue Zeit der neuen Praxis und Redefinition männlicher Technikdomänen mit weiblichen Nerds, Chicks, Netwomen, SpiderWomen und anderen Punks, die herausfordern9vgl. WAKEFORD, Nina: Networking Women and Grrrls with Information/Communication Technology. Surfing Tales of the World Wide Web. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 350 ff.. In dieser Rebellion entwickelt sich so auch das neuen Bewusstsein, das Netz beziehungsweise die Vernetzung so zu nutzen, dass »weben« einen neuen Sinn bekommt. Weben als traditionell von Frauen betriebenes Geschäft wird somit metaphorisch übertragen und semantisch neu definiert:

Using a conception of weaving is attractive in relation to women’s presence on the Web because of the historical association of weaving as ›the process so often said to be the quintessence of women’s work‹ 10PLANT, Sadie: Zeros and Ones. Digital Women and the New Technoculture. Fourth Estate, London, Doubleday, New York, 1995, S. 46. Weaving could be a productive metaphor to describe the process of creating pages, and interlinking others. Web pages could be construed as the woven products of the electronic and social networks.11WAKEFORD, Nina: Networking Women and Grrrls with Information/Communication Technology. Surfing Tales of the World Wide Web. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 356.

Frauen ins Netz!

Nach diesen Betrachtungen von neuen Ansätzen des Feminismus’ und einem Abriss über Gender und dessen Relevanz, möchte ich ein wenig zur Praxis »Frau und Internet« schreiben. Hierbei soll das Augenmerk auch auf die neuen alten Schemata der Differenzierungen gelenkt werden, die sich etabliert haben. Es gibt schon recht lange eine Teilung der Menschheit beziehungsweise ihrer Gesellschaften. Mindestens zwei Kategorien können genannt werden: die positiv Bewerteten und die negativ Bewerteten. Beispielsweise die Gebildeten und die weniger Gebildeten – besser ausgedrückt: die, denen der Zugang zu Bildung und Modernität geboten wird, und jene, denen solch ein Zugang verwehrt wird (oder die kein Interesse daran haben und sich dabei unglaublich alternativ fühlen). Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich in jeglichen Gebieten sozialen Konkurrierens ein Elitarismus gebildet hat. So auch in Sachen Internet und Technik.

Es gibt die »connected« und die »unconnected« Menschen. Erstaunlicherweise spielten Frauen bisher keine so große Rolle in diesem elitären Beurteilungssystem des »online seins«.12An dieser Stelle möchte ich die Werbekampagne des on-seins erwähnen, die zur Zeit am Laufen ist. Sie hat zwar auf ersten Blick nichts mit Internet zu tun, sondern entspricht einer Abbreviation eines Elektrizitätskonzerns, doch ist »on« nicht unweit »on-line« und »in sein«. Interessanterweise sind bei den Plakat- und TV-Werbeaktionen recht offensichtlich Frauen im Vordergrund – die Frage ist nun, ob dies Zeitgeist und »hip« ist, sich in der Gesellschaft etwas geändert haben könnte, oder gar beides zusammen zutrifft Frauen spielten auch keine Rolle, obwohl Mitte der 1990er Jahre großangelegt die »Einladung ins Netz« an sie ausgesprochen wurde. Die Frage ist, warum wurde das getan und was bewirkte es?13vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 63 ff. Die Anzahl der Benutzerinnen ist stetig am Steigen. Einer der Gründe hierfür ist wohl, dass das Medium sich verändert und mehr und mehr Interessantes für Frauen zu bieten hat. Allerdings kann auch bemerkt werden, dass »die Frau« als konsumierendes Wesen entdeckt wurde. Ein vergleichbares Bild mit der »shoppenden Dame«, die sonst nichts zu tun hat. Nur sind viele Damen in der derzeitigen Realität immer noch Hausfrauen, die einen Alltag mit Haushalt und Kinderpflege führen, gegen den sich manch Fabrikalltag als entspannend darstellen würde. Dies ist vermutlich auch der Grund, warum Frauen in der Regel nicht wahllos im Netz surfen, sondern gezielt nach einer Information, einem Artikel oder einer Unterhaltung suchen.14vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 76 ff. Doch zurück zu der Initiative, Frauen »ins Netz zu holen«. Warum waren Frauen bloß so desinteressiert am Internet? So lautete die Frage. Gegen 1997 wurde von Journalisten, Medienmachern und Feminismus-Forscherinnen gemutmaßt, dass das Internet einfach nichts wirklich fraueninteressantes zu bieten hätte. Hauptsächlich junge Männer waren programmierend am Werk und ließen ihren männlichen Phantasien freien Lauf. Es gab immer wieder schlimme Dinge über mentale und körperliche Vergewaltigungen und über die Brutalität des Internet-Sex’ zu hören. War dieses Internet nun etwas, das es zu erforschen galt, oder sollten Frauen es lieber meiden? Hinzu kamen auch auch die finanziellen Möglichkeiten von durchschnittlichen Frauen. Ließ ihr Budget überhaupt ein Mithalten mit den technischen Voraussetzungen für das Dabeisein in der Welt der Technik und Vernetzung zu?15vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 74 f. Ein besonders beliebtes Argument pro Internet für Frauen war, dass sich dort grenzenlose Möglichkeiten auftun würden, einen Mann zu finden.16vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 76. Frauen waren in einer ziemlich schwierigen Lage. Unterprivilegiert, entmachtet, sexuell belästigt im realen (und auch möglicherweise virtuellen) Leben, mussten sie dafür gerade stehen, dass sie sich noch weiter disqualifizierten, da sie nicht richtig teilhatten am Internet, und somit am modernen Leben17vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 77.. Letztendlich regulierte sich das von alleine, Frauen wurden selber aktiv, auch als Anbieterinnen von Internetseiten (und Artikeln darin), Betreiberinnen von Organisationen und Ideen, die im Netz der Netze Verbreitung fanden. Die schon weiter oben genannte Bewegung der Cybergrrls, Netchicks und ähnlichem nahm das Zepter (oder eher den Reichsapfel) in die eigene Hand, es entstand etwas … von Frauen, für Frauen.18vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 75 ff. Und mit diesen neuen Frauen kam auch die Veränderung im Internet:

Whereas the discourse and the posturing of cybergrrls appeared to be an efford to masculinize the feminine (i. e., to adopt identities colored by stereotypically male traits such as independence, aggression, and technically know-how), the discourse of these new sites rarely focused on technology per se. Instead, new site authors emphasized artistic expression (in writing and graphics), social support relevant to concerns of site visitors, music and film reviews, and gripes about coverage of women’s issues in the popular press.19WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 83.

Gibt es ein Fazit?

Ich werde im zweiten Teil »Cyberkultur-Ethnologie: Körper, Sexualität und Gefühle im Internet« noch einmal zur Genderrelevanz zurückkehren, und zwar mit Fokus auf das Thema »Körper und Geist – Trennung und Loslösung des Geschlechts vom Körper?« Somit kann ich an dieser Stelle nicht behaupten, dass ein Fazit in Sachen Internet und Gender schon möglich wäre. Zum Thema Feminismus und Cyberfeminismus hingegen kann ich ein kurzes Zitat anbringen, welches mir geeignet scheint:

As Light (1995) observed, feminists may have been mistaken in portraying women only as victims of technology.20WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 86.

In der Tat scheint das Internet den Feminismus in eine neue Zeit hinüberzubegleiten, sowohl in seiner Funktion als Medium und Kommunikationsmittel, als auch in seiner Herausforderung von Frauen als schaffende Menschen. Ab einem gewissen Punkt ist es für mich persönlich nicht mehr interessant, ob nun eine Domäne männlich oder weiblich besetzt ist, wie die kulturelle Überformung zustandekam und was nun die Konsequenzen daraus sind. Entscheidend ist die Emanzipation des »neuen selbstbewussten Menschen« – sei es Frau, Mann, Zwitter oder wie auch immer selbtsdefiniert – die zur Erkenntnis der eigenen Identität, zur Kommunikationsfähigkeit und dadurch zur Vernetzung führt.

In einer älteren Forschung21RITTER, Martina: Die Freiheit der Frau, zu sein wie der Mann. In: Identität – Leiblichkeit – Normativität, Neue Horizonte anthropologischen Denkens. BARKHAUS, A.; MAYER, M.; ROUGHLEY, N.; THÜRNAU, D. (Hrsg.). Frankfurt (M), 1996, S. 404–422. stellte Martina Ritter fest, dass Mädchen den Computer als männliche Domäne definierten. Ihr Umgang mit dieser Domäne entschied sich am Umgang mit der eigenen Rolle: Wird die eigene Weiblichkeit akzeptiert oder wird sie abgelehnt. Es wurde von der »Freiheit der Frau, zu sein wie ein Mann« gesprochen. Im gesellschaftskritischen Kontext ist es weiterhin geboten, diese Konstruktivismen zu erforschen. Doch in der verhältnismäßig jungen Welt der virtuellen Realitäten lassen sich neue Strukturen entwickeln. Wenn auch – allen Cyborg-Phantasien zum Trotz – der Mensch definitiv dazu neigt, seine Dichotomien, Rituale, kulturellen Überformungen und sogar den Geschlechtsdimorphismus im Netz zu rekonstituieren. Eine Auseinandersetzung mit den psychologischen Hintergründen hierzu wäre sinnvoll und kann auch im ethnologischen Rahmen diskutiert (und im globalen Rahmen verglichen) werden.

Die Urfassung dieses Artikels entstand im Rahmen meines Studiums.

Hier können Sie Teil 2 lesen: Cyberkultur-Ethnologie – Teil 2: Körper, Sexualität und Gefühle im Internet.

Zusätzlich benutzte Quellen

Im Text nicht explizit zitierte Literaturquellen, die benutzt wurden:

BELL, David: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 205–209.

O’BRIEN, Jodi: Writing In The Body. Gender (Re)production in Online Communication. In: Communities in Cyberspace. SMITH, Marc; KOLLOCK, Peter (Hrsg.). Routledge, London, 1999, S. 76–104.

SANDOVAL, Chela: New Sciences. Cyborg Feminism and the Methodology of the Oppressed. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 374–390.

Eine Auswahl von relevanten Internetadressen (die Links sind den benutzten Literaturquellen entnommen):

Cybergrrl: <http://www.cybergrrl.com/> (letzter Zugriff 31.12.2002).

Feminist Majority Foundation: <http://www.feminist.org/> (letzter Zugriff 31.12.2002).

geekgirl: <http://www.geekgirl.com.au/geekgirl/> (letzter Zugriff 31.12.2002).

World’s Women On-Line Electronic Art Networking Project: <http://wwol.inre.asu.edu/> (letzter Zugriff 31.12.2002).

Literaturquellen und Anmerkungen   [ + ]

1. SQUIRES, Judith: Fabulous Feminist Futures and the Lure of Cyberculture. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 371.
2. KENNEDY, Barbara M.: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 283.
3. Vgl. KENNEDY, Barbara M.: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 283 ff.
4. SPRINGER, Claudia: Digital Rage. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 344.
5. HARAWAY, Donna: A Cyborg Manifesto. Science, Technology and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 292 f.
6. SPRINGER, Claudia: Digital Rage. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 342.
7. PLANT, Sadie: On The Matrix. Cyberfeminist Simulations. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 328.
8. vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 78.
9. vgl. WAKEFORD, Nina: Networking Women and Grrrls with Information/Communication Technology. Surfing Tales of the World Wide Web. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 350 ff.
10. PLANT, Sadie: Zeros and Ones. Digital Women and the New Technoculture. Fourth Estate, London, Doubleday, New York, 1995, S. 46
11. WAKEFORD, Nina: Networking Women and Grrrls with Information/Communication Technology. Surfing Tales of the World Wide Web. In: The Cybercultures Reader. BELL, David; KENNEDY, Barbara M. (Hrsg.). Routledge, London & New York, Neuauflage 2001, S. 356.
12. An dieser Stelle möchte ich die Werbekampagne des on-seins erwähnen, die zur Zeit am Laufen ist. Sie hat zwar auf ersten Blick nichts mit Internet zu tun, sondern entspricht einer Abbreviation eines Elektrizitätskonzerns, doch ist »on« nicht unweit »on-line« und »in sein«. Interessanterweise sind bei den Plakat- und TV-Werbeaktionen recht offensichtlich Frauen im Vordergrund – die Frage ist nun, ob dies Zeitgeist und »hip« ist, sich in der Gesellschaft etwas geändert haben könnte, oder gar beides zusammen zutrifft
13. vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 63 ff.
14. vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 76 ff.
15. vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 74 f.
16. vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 76.
17. vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 77.
18. vgl. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 75 ff.
19. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 83.
20. WARNICK, Barbara: Critical Literacy in a Digital Era. Lawrence Erlbaum Assoc., Mahwah (NJ), 2002, S. 86.
21. RITTER, Martina: Die Freiheit der Frau, zu sein wie der Mann. In: Identität – Leiblichkeit – Normativität, Neue Horizonte anthropologischen Denkens. BARKHAUS, A.; MAYER, M.; ROUGHLEY, N.; THÜRNAU, D. (Hrsg.). Frankfurt (M), 1996, S. 404–422.
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